Ararat-Gipfeltour und Trekking im Kackar mit seb-tours
Ein Reisebericht von Christian Schneeweiß

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Christian Schneeweiß, 1963 in Saarbrücken geboren, studierte Geographie und Ökologie an der TU München. Der Allroundalpinist veröffentlicht im „Bergsteiger“, „Outdoor“ und Büchern und schreibt einen Teil des jährlichen „Bergsteiger-Kalende rs“. Als begeisterter Gebietserkunder unternimmt er jedes jahr eine längere Trekkingreise.

Vom Schwarzen Meer zum Kaçkar

Kaum auf dem verschlafenen Flughafen der quirligen Hafen- und Fußballstadt Trabzon angekommen, werden wir von unserem Reiseleiter Serif in einen Kleinbus geladen und fahren am Schwarzen Meer Richtung Rize, bis es hoch geht zum kleinen Kurort Ayder (ca. 1250 m), wo wir in einem alten Blockhaus-„Hotel“ mit dem Komfort einer Selbstversorgerhütte übernachten. Alle anderen Gäste sind junge israelische Trekkingtouristen, für die das im Norden regenreiche und immer grüne Pontische Gebirge eine der beliebtesten Urlaubsdestinationen ist. Die Türken zieht es mehr ins hiesige Hamam, wo sich Männlein und Weiblein getrennt einem heiß-kalten Wechselbad unterziehen, das tatsächlich bei Gliederschmerzen sehr effektiv hilft.

Reisebericht Ararat - mit dem Muli nach Dilberdüdzü

Von der Alm Caymakcur machen Markus, Ingrid, Oliver und ich uns mit Reiseleiter Serif und den rassigen Mulis namens Mercedes und BMW auf den Weg zur wetterbegünstigten Südseite des Kavron, einer Untergruppe des Schwarzmeer-Gebirges.

Reisebericht Araratbesteigung - Die Sennerinen von Caymakcur

Nicht ohne von dem Ayran (Trinkyoghurt) gekostet zu haben, den uns die alten Sennerinnen anbieten. Mit seinen schroffen Spitzen über Geröllhalden und grünen Almwiesen erinnert die Gebirgskette ein wenig an die Alpen. Nur dass die Krokusse hier gelb, die Großblütigen Enziane mehrblütig und die Flockenblumen weiß sind – und der relativ grobblockige Fels aus Basalt besteht. Zum Campieren gibt es einladende Bergseen wie den Kara Deniz Gölü, an dem man bereits die Hälfte des Wegs zum Caymakcur-Gecidi (Gecidi bedeutet Pass) hinter sich hat.

Reisebericht Trekking zum Ararat - Krokuse unter dem Mezovit Gipfel

Schroff ragen dort die Felsflanken des wilden Mezovit (3760 m) über dessen Gletscherbecken auf. Dahinter verbirgt sich der Kackar (3932 m), der höchste Berg des Schwarzmeergebirges. Auf dem Abstieg kredenzt uns der Mulitreiber in einer der niedrigen Steinhütten von Döbe Yayla (Yayla bedeutet Alm) einen Tee. Gestärkt machen wir uns auf den Weg nach Yaylalar (Hevek), wo wir im einzigen Hotel des Orts übernachten. Nach soviel Luxus sieht uns schon der nächste Tag wieder mit den Mulis zwischen Regenschauern und Windböen aufsteigen zur Campingwiese Dilber Düzü (ca. 2800 m). Unter knatternden, mit Steinen am Boden gehaltenen Zelten schlafen wir unruhig ein.

 

Der Irrgarten

Lagerplatz in Dilberdüzü - Reisebericht Kackar Gebirge

Deniz Gölü unter dem Kackargipfel - Reisebericht Trekking

Trekking zum Kackargipfel - Reisebericht einer Expedition

Schnell weicht die Morgendämmerung einem blauen Himmel, in den orange beschienene Felstürme stechen. Nach dem Frühstück marschieren wir zügig los, steigen zwischen grünen Wiesen und üppigen Stauden empor und wenden uns unter einem grau-rot gestreiften Sattel rechts auf schottrigem Pfad Richtung Deniz Gölü. Der See (Gölü) liegt wirklich wie ein Meer (Deniz) tief eingebettet zwischen Felszinnen und Schuttrinnen vor uns. Im Laufe des Tages wechselt der kreisrunde See seine Farbe von Türkisgrün zu Azurblau. Bis hierher konnten wir noch problemlos den Wegspuren nachgehen. Für den folgenden Rücken müssen wir uns schon an die aufgeschichteten Steinmännchen halten – dann finden wir uns plötzlich in einer Hangquerung aus groben, lockeren Basalt-Blöcken wieder. Mit unter den Füßen wegpolternden Steinen erreichen wir stolpernd dann doch den Sattel. Selber schuld, wenn wir unbedingt Reiseleiter Serif voranstürmen müssen, der auf dem richtigen Weg durchs Tal heraufkommt.
Langsam wird es ernst. Steil treppeln wir auf der anderen Seite zu Füßen einer hoch aufragenden Felsmauer und im Angesicht der breiten Südflanke des Kackar kurz hinab, die sich vor den dunklen Höhenhimmel schiebt. Wer hier im Juli ohne Steigeisen unterwegs ist, hat schon verloren… Nur Steinmännchen helfen in dem folgenden groben Blockschuttgelände weiter, bis ein ansteigendes Firnfeld unseren überlasteten Bändern eine Ruhepause gönnt. Das gefällt uns so gut, dass wir ohne nach rechts zu schauen einfach weiter stieren, bis uns Serif zurückpfeift: Eine lange Rechtsquerung aus Schnee und Schutt leitet unter einem Felsriegel zum einzigen “wanderbaren” Durchschlupf in den Gipfelhang. Verwirrenderweise führen mehrere Wegvarianten diese Geröllflanke hinauf, aber nur eine bis kurz unter den Westgrat des Kackar. Die Gefahr sich zu verirren ist ab dem Deniz Gölü – wie wir ja gemerkt haben - nicht nur bei plötzlich hereinbrechendem Nebel groß. Ohne ortskundigen Führer kann man auf dieser leicht unterschätzten Alpintour ganz schön alt aussehen! Wie auf allen bedeutenden Gipfeln der Türkei flattert am Kackar der türkische Halbmond mit Stern im Wind. Es ist kalt, die Nordwestflanke des ganzen Bergs von den gestrigen Niederschlägen mit Schnee überzuckert und das nördliche Gebirge in Wolken gehüllt: Gut dass wir den Normalweg von Süden gewählt haben! Andererseits brennt die Sonne hier gnadenlos und ohne Schatten auf uns herunter, so dass Oliver Kopf und Hals mit einem Berberturban schützt und uns bald das Wasser ausgeht. Aber bald können wir uns am Deniz Gölü erfrischen. Mit müden Beinen laufen wir sieben Stunden nach unserem Aufbruch auf unserer saftiggrünen Campingwiese ein. Nach einer erholsamen Nacht begleiten uns wieder Mercedes und BMW hinunter nach Yaylalar. Mit dampfenden Sohlen im Dorf angekommen, erhalten wir zwei Hüttchen, wo wir uns sofort auf die Duschen stürzen. Was für eine Wohltat: Jetzt erst ist der Berg bezwungen …

Nach Dogubayazit…

Wie eine Fatamorgana erhebt sich plötzlich ein weißbekränzter Bergkegel über der ockerfarbenen Hochfläche, der nicht zufällig an den Kilimanjaro in Afrika erinnert: Der Ararat. Zu dessen Füßen im Städtchen Dogubayazit werden wir von Ismet Öztürk in unserem Hotel erwartet. Ismet macht eher einen gemütlichen und redseligen Eindruck. Dabei ist er einer der bekanntesten türkischen Alpinisten, hat einige wilde Erstbegehungen in seiner Heimat Kappadokien hinter sich und im Winter haufenweise Ski-Erstbefahrungen im ganzen Land gemacht. Jetzt ist er Bergführer-Ausbilder und der Pascha des Ararat. Er soll uns zum Gipfel führen. Aber erst mal geht es zum Essen in ein türkisches Restaurant, wo man praktischerweise das meist in Öl triefende Mahl aus Fleisch- und Gemüsestückchen direkt von der Platte auswählen kann.


Unser Plan ist einfach: Dank unserer einwöchigen Akklimatisierung im Schwarzmeergebirge soll es in drei statt der üblichen fünf Tage zum Gipfel und in einem Tag wieder zurück gehen. Vorher allerdings räumen wir in einem Supermarkt die Regale leer und schauen in einer Kaserne mit einer Art Gebirgsjägern vorbei, wo unser Permit nach kritischer Beäugung und Ausfüllen eines zusätzlichen Formulars schließlich bestätigt wird. Im Kleinbus werden wir auf einer staubigen Schotterpiste vorbei bergwärts kutschiert.

 

Am Ararat

Der Ausgangspunkt Cevirme (ca. 2400 m; die meisten Trekker gehen von Eli los) stellt sich als eine Hochalm mit Jurten, Schafen und einer Horde von Kindern heraus, die sich lachend unsere Sonnenkrem ins Gesicht schmieren. Die Lasttiere dagegen haben nichts zu lachen: Scheinen die Pferde noch einigermaßen angemessen beladen zu sein, so verschwindet die Eselmama förmlich unter den Taschen und Kisten auf Rücken und Flanken. Und das Junge trottet hinterher. Für uns ist der Aufstieg mit leichtem Gepäck eher ein Spaziergang in warmer, aber windiger Bergluft, der kurz von der Begegnung mit einer deutschen Trekkinggruppe unterbrochen wird.

Und der Ararat? Er verhüllt sein Gesicht mit düsterem Gewölk. Unser Basislager (ca. 3200 m) präsentiert sich als wellige grüne Golfwiese zwischen kind- bis mannshohen Lavabrocken. Der Gang zwischen diesen, um sein “Geschäft” zu erledigen, gleicht der Suche nach einem freien Sitzplatz in einem Minenfeld (daher die Bezeichnung Stuhlgang). Während eine Gruppe aus dem Iran sich zum Abstieg aufmacht, bereitet Mahmud, unser Cheftreiber und Aushilfskoch das üppige Abendessen aus Nudeln mit Gemüse und Tee zu. Bis in die Dunkelheit bleiben wir an der Tafel sitzen und reden; dann treibt uns der kalte Wind in die Zelte, wo uns die reine Bergluft bald einschlafen lässt.

Kristallklar erstrahlt am Morgen der Himmel über dem Ararat. Zwischen den zerplatzten Lavablöcken windet sich ein Pfad durchs Geröll, der für steckenunterstützte Menschen und vierbeinige Lasttiere erstaunlich gut gangbar ist, sofern sie nicht zu energisch höherstreben. Dank unserer Vorbereitung sind wir aber so gut akklimatisiert, dass der Aufstieg zum Hochlager eher einer Bergtour im Karwendel gleicht. Nur dass es dort keine solche in Magma- und Aschedecken eingeschnittene Eisschlucht mit einem Wasserfall über Eruptivgestein gibt, durch die dauernd Eis und Geröll poltert. Dann ist das Hochlager erreicht (ca. 4100 m), das aus terrassenförmig im Geröll angelegten Zeltnischen besteht.
Vor uns breitet sich auf der Südseite ein flach auslaufender brauner Hang aus, unter dem Dogubayazit als einzige größere Ansiedlung vor den in der Ferne verschwimmenden Bergen und Plateaus des ostanatolischen Hochlands erscheint. Nur im Osten steht keck der markante Aschekegel des Kleinen Ararat neben kleinen Magmawarzen, die sich durch die Konvulsionen der kochenden Erdkruste geöffnet haben. Unser Kocher schnurrt dagegen heimelig, und das Essen blubbert vielversprechend in den Töpfen, als wir wieder im Lager sind. Heute heißt es Reinschlagen, denn morgen früh wird es außer Tee und Keksen nichts geben.

Der Gipfelsturm

Um 3 Uhr nachts setzen wir uns schwerfällig in Bewegung. Stirnlampen funzeln, Schritte knirschen, und ein gelegentlicher Ausrutscher oder Huster belebt die biblische Dunkelheit. Unten leuchten die Lichter von Dogubayazit und oben die Sterne der Cassiopeia. Aber mit der Dämmerung senkt sich eine düstere Wolke über den Ararat. Langsam arbeiten wir uns auf Geröll und Blockwerk höher.


Oliver hält jetzt für Marcus und Ingrid ein gleichmäßig langsames Tempo, während ich schon mal durch den Nebel vorausschaue. Die Steine sind mit glitschigem Raureif überzogen, es ist windig und deutlich unter Null Grad. Plötzlich stehe ich vor einem Firnfeld mit Fußspuren und ziehe zur Verkürzung der Wartezeit die Steigeisen an (ca. 4800 m). Da! Ein Blauschimmer im diffusen Licht, der sich schnell ausdehnt – und schon schält sich über mir der weiße Gipfelkegel aus dem Nichts. Vor mir breiten sich Gletscher und Eisfelder aus und unter mir wirft der Ararat seinen dunklen Bergschatten auf die in der frischen Morgensonne pastellocker leuchtende Plateaulandschaft. Als unten der Erste erscheint, gehe ich los, laufe begeistert wie im Rausch über den hartgefrorenen, spaltenlosen Büßerfirn und steige hinauf: Der Gipfel ist näher, als er scheint – und wahrscheinlich niedriger als angegeben.
Oben knattert die türkische Flagge in einem tosenden Höhensturm, der mich fast von den Beinen reißt, eisig das Gesicht peitscht und durch meine Softshellhosen pfeift. Allein auf dem Ararat – das ist ein seltenes Privileg, das ich nur dem Vertrauen unseres Bergführers in meine bergsteigerischen Fähigkeiten zu verdanken habe. Trotz der klargefegten Luft erscheinen ringsum die Berge wie Zwerge, und selbst der breite Schichtvulkan des Aragaz (4090 m) im armenischen Kleinen Kaukasus hebt sich kaum aus der Umgebung ab. Vor mir erstreckt sich ein Gletscherplateau zum Ostgipfel, unter dem manche amerikanische Fundamentalisten die Arche Noah vermuten. Ich habe genug gesehen und mache mich nach einem Schluck aus der Thermoskanne und ohne etwas zu essen schnellstens aus dem auskühlenden Schneestaub. Den überraschten Spezln im Aufstieg rufe ich im Vorbeieilen das inzwischen klassische Selbstzitat “Ich will nicht am Gipfel sterben” zu und suche nach einem einigermaßen windstillen Rastplatz für uns alle. Siehe da: Zwischen Firnfeld und Aufstiegsrücken lässt sich fast in Windstille ruhen. Schon kurze Zeit später gesellen sich die anderen Gipfelstürmer gefolgt von Ismet zu mir und wir genießen die Pause in trautem Beisammensein. Es beginnt die Rückkehr in die Zivilisation: Zum Hochlager runterstolpern, auf die Pferde warten, abbauen; einen Klofelsen suchen, den staubigen Pfad Richtung Basislager runtereiern und … plötzlich stehen wir vor etwa 50 kunterbunt zusammengewürfelten und teils beflaggten Zelten. Die Erklärung: Übermorgen ist der türkische Nationalfeiertag “Tag des Sieges” (zafer bayrami). An diesem Tag besteigen jährlich Bergsteiger aus aller Herren Länder, selbst aus Makedonien und Malaysia den Ararat. Glück gehabt – wie auf unserer ganzen Reise zum biblischen Berg. Noahs Arche aber haben wir nicht gefunden…

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